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Zu Besuch auf der Krusenstern

Bericht über die Kurzreise mit STS Krusenstern vom 05. bis 08.08.2013 von Szczecin nach Warnemünde von Heiko und Tom (Angaben nach Gedächtnis, Ungenauigkeiten gehen auf Toms Konto).

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(Meiner langjährigen Freundin Angelika gewidmet, die diese Reise spendiert hatte, einfach so, als Dankeschön. Dankeschön auch Dir, liebe Angelika!)

Montag früh, 6:32 Uhr. Wie üblich habe ich verpennt, das Ölzeug aus dem Verein zu holen geht nicht mehr, also kann ich nur noch den ollen Fahrrad-Regenanzug, bei dem sich die Gummierung schon auflöst, einsacken und losdüsen, Heiko abzuholen. Der frühstückt noch ganz gemütlich mit Frau und Kind, schließlich ist heute Jann Dags allererster Schultag. Nun aber los zum Bahnhof in der Hoffnung, am ersten normalen Arbeitstag nach den großen Ferien noch einen Parkplatz am Pendlerbahnhof zu bekommen. Meistens gibt’s dort einen zu wenig.

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Der Einsetzer, der die Strausberger Berlin-Pendler abfängt, gefällt dem notorischen Autofahrer Heiko gut. Anschluss in Lichtenberg nach Eberswalde mit 20‘ Aufenthalt und angenehmer Fahrt. In Ebw. Zeit für ein kleines Frühstück, halb so teuer wie in Berlin, und der dritte sekundengenaue Anschluss, nun direkt nach Szczecin. Das alles für 10 € ab Berlin. Eintreffen in Szczecin aufgrund Wartens auf den Gegenzug nur fast genauso pünktlich. Heikos Skepsis, ob wir denn im Bahnhof einen Hinweis auf unsere Marschrichtung bekommen könnten:„Wir sind in Polen“, entkräftete er selbst zwei Minuten später an einem Zeitungsstand, wo ihm die Verkäuferin einen Stadtplan schenkte. (Tom:)„Noch Fragen?“ „Ich glaub‘s ja nicht.“ Unser Ziel mit seinen 60 m hohen Masten wies uns den Weg natürlich selbst. Eine Viertelstunde Gepäcklauf bei wolkenlosem Hochsommerhimmel über sozialistisch anmutende Straßen und wir erreichten die wunderschöne Stadthafenpromenade. An hunderte Meter langen Holzbänken wird uns eine kleine Zeitreise durch die Nautik serviert: ein fußnasses Holz-Floß mit hochgelegten Schilfhütten, drei Wikingerlangboote und hinter zwei Pontonbrücken für die Besucher-Völkerwanderung und der großen Autobrücke thronen zwei Prunkstücke hochfeudalen Flibustiertums: eine farbenfrohe Petersburger Zarenkorvette und ein teerschwarzes Ungetüm aus Göteborg Wir sind in der Jetztzeit luftdruckgetriebenen Herumschwimmens angekommen.

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Vor der kilometerlangen wunderschönen Hafenterrasse, Szczecins Schokoladenseite, liegen topgepflegte Holzjachten im Vierer-Päckchen mit den üblichen weißen Hafenschönheiten.

Ein paar Yawls, Ketschen, Schoner und Brigantinen weiter beginnt dem Stadtschloss gegenüber dann die richtig große Show: fünf Vollschiffe und Barken, darunter zwei schneeweiße, blitzende Neubauten, große Dreimast-Brigantinen und ein paar kleinere der größeren Beauties rahmen das Bild von der Nordseite aus ein.

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Diese bilden die erste Kulisse. Auf der anderen Seite des Stadthafenbeckens ist die zweite aufgefahren: ein hunderte Meter langer Pulk aus Zwei- und Dreimastern mittlerer Größe, sämtlich in Päckchen, weil der Hafen sie sonst nicht fassen könnte.

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Und in dritter Reihe, schon im Industriehafen, haben die für deutsche Besucher vielleicht bekanntesten festgemacht: die niegelnagelneue Alexander von Humboldt II, quietschgrün, aber mit hellen Segeln und Kunststoffdeck

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und endlich die Königin des ganzen Gepränges:

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die uralte Krusenstern aus Kaliningrad: schwarze, genietete Stahlplatten, dreimannsdicke Stahlmasten, zwei- bis dreimal so hoch wie die übrigen. Sie musste hierher gelegt werden, weil das Stadthafenbecken zu schmal ist, um sie für die Ausfahrt drehen zu können. Selbst im Industriehafenbecken blieb sie eine Herausforderung für die Schlepperbesatzungen, dazu später.

Nach einigem Anstehen, es war „open ship“ und der Andrang riesig, wurden wir an den Ersten, Jewgenij, weitergereicht, der uns unsere Kajüte zeigte und den Schlüssel übergab. Ein bequemes Doppelstockbett, massive Holzleiter, das Unterbett für Überbreite, Bullauge original mit Stahl- und Glasverdeckelung, Herzchendruckbettwäsche, komplette Einrichtung mit Telefon, Arbeits- Abend- und Leselampen, Kühlschrank, dreisprachigem Alarmplan, Bad mit Dusche und WC, alles top. Um 14.00 Uhr hatten wir anmustern sollen und jetzt doch noch einen Hafentag. Das erste Essen nahmen wir noch an Bord ein. Die Offiziersmesse diente zeitversetzt auch der Beköstigung von uns Trainees, d. h. Praktikanten. Ein vorsorglich erstandenes polnisches Holzofenbrot nebst Räucherkäse, als Notverpflegung gedacht, hätten wir nicht gebraucht. Die Messe, über die gesamte Schiffsbreite zwei Etagen unterhalb der mittleren Decksstation, dem Duft nach über der Schiffsbäckerei, fanden wir ansprechend ausgestattet mit Mobiliar, das an Chippendale und Biedermeier erinnerte. Holländische Kapitänsbildrepliken und zwei riesige, zwischen die Bulleyes gequetschte Flachbildschirme an Stb. und Bb. rundeten das Ambiente ab. Die diensthabenden Küchenjungen, von der Mamsell argusäugig überwacht, servierten nach einer roten Sauerkrautsuppe mit Fleischeinlage ein solides Schweineschnitzel mit ungeschältem Reis und Dosengemüse. Alles viel reichhaltiger und wohlschmeckender, als nach einem Windjammertörn 10 Jahre zuvor vermutet. Schon jetzt fühlte ich mich wohl an Bord. Wie auch der Szczeciner Bürgermeister. Von 19 Fernsehkameras vom soliden Deck aus gefilmt, stieg er von einem Matrosen geleitet mannhaft auf die erste Plattform, weiter auf die Saling und noch die letzten 20 m ein Leiterchen hoch, das ich bei seinem Umfang auch in einem Kirschbaum nicht bestiegen hätte. Ob der Decksbereich unter ihm deshalb gesperrt worden war? Der Beifall, als er auf der Oberbram-Rah stand, war verdient. Doch nun ging es Schiffe gucken. Wer wollte, konnte ein Poster mit Fotos der Großsegler erstehen und dieses per Schiffsrallye mit deren Stempeln garnieren lassen. Vielleicht war das der Grund, dass wir unter tausenden Gästen kein quengelndes Kind hörten?

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Wir kamen an einem schmucken Engländer vorbei, dessen Crew uns gut lesbar notiert hatte, was denn Himmel und Hölle so eigentlich sind (keine Garantie für mein Gedächtnis!):

Himmel: Organisation skandinavisch, Essen französisch, Wetter italienisch, Polizei holländisch, Bodenpreise spanisch; Bank schweizerisch, Mechanik deutsch, (Grenzpolizei polnisch?), Lover griechisch.

Hölle: Organisation griechisch, Essen englisch, Wetter skandinavisch, Polizei deutsch, Bodenpreise schweizerisch; Bank spanisch, Mechanik französisch, Lover holländisch.

 

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Heiko hatte es besonders der schwarze Schwede angetan;

so sehr, dass er der 70 m langen Wartegemeinschaft vor der Gangway ohne Zögern beitrat.

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Die süße Standardblondine mit dem Schiffsstempel verriet uns, dass ihr Pott zarte sechs Jahre alt ist. Aber er kann schon schwimmen. Ob er auch segeln kann, erschloss sich mir aus seinem Burgoutfit nicht.

 

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Das Mädel hätte ich gern von seiner geteerten Bluse befreit, doch die anderen Teerjacken an Bord hätten das vielleicht missverstanden. An und unter Deck bot dieses Glanzstück nordbaltischer Holzschnitzkunst noch mehr für ‘s Auge: Schautafeln zur na ja Lebensweise an Bord solcher Seelenverkäufer,

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oin wöönzüges Stöckchen Stringerholz aus dem Original eingesetzt in den Nachbau…

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und oben einen Klüver, der für die nächsten 100 Jahre schwedische Streichholzfertigung reichen dürfte.

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Mir hatte es eher der filigranere Russe dahinter angetan.

 

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Aber wie spricht der Russe zum Deutschen: Wer zu spät kommt…

So konnten wir ein paar hundert Meter weiter noch tausend Jahre zurück und die Langboote begutachten, liebevoll ornamentiert und mit Schilden behängt. Bei Wikingers muss es gute Pumpen gegeben haben. Oder haben wir mieses Wetter doch erst seit der Atombombe?

Doch vor dem Trip ins Früh-Mittelalter gab `s noch einen in die Luft. Welcher Herr verdienten Alters steigt ohne Enkel ins Turm-Kettenkarussell? So auf dem Dach eines 21-Geschossers ohne 21-Geschosser drunter?

Einer, der sich nicht die Blöße geben will, auf der Krusenstern zu fahren und nicht ins Rigg zu steigen. 60 m mit Luft und n paar ollen Strippen drunter können ganz schön hoch sein und da ist es doch schön, wenn man vorher üben kann. So hingen Heiko und ich bald in Masttophöhe kreisend jeder unseren Gedanken nach. Und nach drei Stunden Gedrehtwerdens hatten wir uns auch schon daran gewöhnt. Lüge. Es waren nur zwei. Jedenfalls ist Szczecin rund.

Polnische Marine-Pontonbrückenbaukunst bewundernd (Immer schön Strandstreife laufen, liebe Schweden!) fanden Heiko und ich uns am anderen Ufer wieder. Dort hatten sich die Orchester der Welt stets drei frau hoch drapiert, um die Kulturabgabe einzutreiben, recht erfolgreich und zum Zerfließen schön. Ich will Cello lernen! Aber vorher noch Klavier und davor (müsste ich mal meine Bude putzen, aber sowas ist doch Zeitverschwendung)…

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Dann doch lieber weiter Schiffe gucken. Die Bungee-Springer links an uns vorbei plumpsen lassend beehrten wir nun die A-Klasse der Segler, sozusagen deren S-Klasse, mit unserer Aufmerksamkeit. Norwegen, Russland, Mexico, Brasilien und ja, Katar hatten neben der Gastgebernation ihre Schmuckstückchen das Oderhaff hinaufgeschickt, um den Szczeciner Canaletto-Anblick noch zu verzuckern.

 

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Die polnischen und russischen Riesen aus der Lenin-Werft im Päckchen vor dem Stadtschloss,

 

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gerahmt vom riesigen, altehrwürdigen Staatsraad Lehmkuhl und den Latinos, eingefasst von einem zweiten Ring schmucker weißer Exoten – ein Anblick, den man gerne sieht, wie Grönemeyer sagen würde. Klanglich besprenkelt mit schönen Stimmen schöner Damen von der im Goldenen Schnitt drapierten Bühne mit Leinwänden über den gesamten Hafen: Tja, Kiel, so macht man das!

 

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Was mir fehlte, waren der auf dem Boden verteilte Fressmüll, die Besoffenen und die Pöbler. Stattdessen fanden wir ein fröhliches, sympathisches Völkchen, das, obgleich physikalisch dicht gepackt, eine wunderbare Atmosphäre schuf.

 

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Die Bühne bot nur das Vorprogramm, jetzt in der Dämmerung fuhren die Brasilianer ihre Salsa- Kapelle auf dem Achterdeck auf und zum ersten Mal konnte ich mir vor-stellen, Latein gern zu tanzen.

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Dieser Konkurrenz fühlten sich Sindbads Erben zwei Schiffe weiter nicht gewachsen, die, Palästina-Turban-, Trommeln- und Schalmei-bepackt die Promenade aufmischen sollten. Kaum vom Schiff, zogen sie die Flucht vor, weg vom Besucherstrom. Schade, denn sie hätten im Völkergemisch gewiss nicht gestört.

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Was Brasilien Hörgerät und Fußprothesen, bot Mexico der Brille: Mahagoni-Handläufe, Messingbeschläge allenthalben, niegelnagelneues Nobel-Tauwerk; die Klappläufer aus V2A, ein Blick durchs Maschinen-Oberlicht enttarnte mitten in der Nacht auch noch einen Gasten 5 m tiefer den Niedergang putzend. Lichterketten über alle Rahen – den Auftritt dieses Schiffes dürfte nur die mexikanische Mondlandung toppen.

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Todmüde auf unserem stählernen Senior zurück, wurden wir traurige Zeugen eines gründlich geleerten Büffets und einer verlassenen Bühne auf dem Oberdeck. Wie man ‘s macht, macht man ‘s verkehrt. Von zwei Gläsern noch für uns hervorgeholten Rotweins halbwegs getröstet, sanken wir in die Kojen.

Ebenso vollmundig begann der erste See-Tag. Sonne satt, Suppe, Schrippen und Käffchen und Auslaufen gegen 11.00 Uhr, vorher ging sogar noch Frühsport- jetzt aber an Bord. Hinreichend Zeit noch, unsere Mitreisenden zu beäugen. Um es vorwegzunehmen, wir hatten Glück mit ihnen. ein wunderschönes junges russisches Pärchen, ein sehr kultiverter polnischer Seemann, seit Klaipeda dabei, ebenso Claus, dessen Kumpel Peter, gestandene Kerle, die das Leben kennen und Thomas, niedersächsischer Tischler aus Bautzen, mit dem hehren Unterfangen, eine komplette Chronik der Krusenstern zu fertigen, unterstützt von Christine. Zu ihr später. Eine Rostocker Oma, alles andere als Oma, mit ihrer medienelektronisch gefesselten Enkelin, ein bayerischer Weltenbummler, ein Ingenieur, ökologisch engagiert nebst seinem wissensdurstigen Jungen sowie eine Familie aus Baden, er Polizist mit Afghanistanerfahrung, sie ihm zuliebe auch hier dabei und beider furchtlose Tochter. Erstmals an Bord war auch eine Abordnung der Rostocker Krusenstern-Schule: 10 Jugendliche und zwei Lehrkräfte; hab ich noch jemanden unterschlagen?

Christine: Morgens um 7.30 stand sie mit dem Kreuzmast-Bootsmann und Thomas an Deck, den Segelriss eines Dreimasters aus dem 18. Jh, sowie den Ormig-Abzug einer schlichten Tusche-Konstruktionszeichnung in den Händen. Das waren die dem Bootsmann verfügbaren Papiere zum Schiff. Thomas, Du hast Dir ein hehres Ziel gesetzt.

Nach dem Frühstück erschien uns Christine dann offiziell: Mit weißer Krusenstern-Maßuniform, einem freundlichen Grinsen und herzerfrischendem Bayerisch die Messe füllend. Sie sei nun seit zwei Jahren zweiter Offizier der Krusenstern und unser Draht zur Schiffsführung. Hochdeutsch sei nicht so ihrs; aber Bayerisch ist doch leichter zu lernen als andere Seefahrtsprachen, und so waren wir für ihr Engagement doch sehr dankbar. Und sie hatte ihre Schäfchen perfekt im Griff. Wir durften jederzeit auf ’s Trainee-Deck, den achteren Teil des Brückendecks, es sei denn, man bat uns in die Messe. Die Back, erklärter Lieblingsplatz zahlender Gäste seit dem verfilmten Untergang der Titanic, war für uns nicht wegen des zuerst sinkenden Schiffsteils, sondern deswegen verboten, weil dort Witwenmacher ihr Unwesen trieben. Das waren keine Phantom-Jäger, auch nicht die russischen und kasachischen Prachtjungs, die zu Dutzenden ihr erstes Studienjahr hier beenden durften, sondern die über ihren Köpfen schwebenden Blöcke der Klüverschoten. Zugegeben, wer Segler ist, weiß, was die anrichten können – bei , wie Christine später erklärte, bis zu 2 t Windlast pro qm Segelfläche auf diesem Schiff…Sowas würde sich die Royal Clipper, die zersägte Schwester von Dar Mlodieszcy und Mir, noch länger und noch einen Mast mehr raufgepappt, mit ihrer Luxustechnik nicht antun. Die Krusenstern aber wird bei solchen Winden erst richtig munter. Alles von Christine gelernt.

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Nun wurde es 11.00 Uhr und unser Riese sollte ablegen. Zwei fette Hafenschlepper waren gekommen, die alte Dame von ihrem Platz zu hieven.

 

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Ziehen, drücken, drehen und den Schlepper-Signalmast mit der quergebrassten Untermars vertüddelt. Das machte der Krusenstern nix aus, aber der Schleppermast verneigte sich respektvoll.

Sowas zahlt die Versicherung des Schleppers, war Christines beruhigende Auskunft. Am Haken und bald unter eigener Kraft schritten wir sozusagen die Formation ab, die von Szczecin bis zum Swinemünder Molenkopf aufgereiht war. Solch eine Menschenmenge hatte ich zuletzt am 4. November 1989 auf dem Alex gesehen. Heiko kommentierte: „Polen ist eine Seefahrernation.“ Da muss er wohl recht haben.

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Vielleicht eine halbe Stunde später hatten wir das Haff erreicht, eine dunkle Wolkenwand noch weit in Nordwest und durften erstmalig aufentern. Jetzt galt ‘s.

 

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Wir wurden instruiert, die Füße nie auf denselben Fußpeerd gleichzeitig zu stellen, falls der doch mal brechen sollte und uns nur an den Wanten, nicht an den waagerechten Peerden festzuhalten. Das Brustgeschirr mit dem Sicherheitskarabiner war hier keine Hilfe, denn wer löst den, wenn man weiter hochgestiegen ist? Also bleibt er am Brustauge eingehängt.

 

 

 

 

 

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Weil ich nicht wusste, ob meine Pumpe dieses Abenteuer so einfach mitzuspielen Laune hat oder ich vielleicht doch mit ner kleinen Ohnmacht gesegnet werden sollte, ersetzte ich den Haken durch meine Unterarme. Das sah von unten bestimmt aus, wie Tarzan mit den Scherenhänden, gab mir jedoch die Gewissheit, immer irgendwie hier oben hängenzubleiben, wenn irgendwas in mir keine Lust mehr auf den ganzen Spaß haben sollte. Dem neben mir aufsteigenden Matrosen traute ich eine Menge zu; nicht aber, sich und mich im freien Fall sauber an Deck zu landen.

 

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Die Krusenstern ist traineefreundlich, auch was das Rigg betrifft. Andernorts übliche überhängende Steigungen vor der Plattform werden hier durch etwa 3 m lange Leiterchen, die von den Wanten senkrecht zum Plattformrand führen, ergänzt.

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So erreichten auch wir die erste Wegmarke in vielleicht 20 m.

Bald waren wir etwa 8 Leute hier oben und jetzt durfte es eins höher gehen. Wer fängt an? „Tschüss! Bis gleich, Papa!“ Und schon war Polizistens Töchterchen draußen und stieg die nächsten 20 m aufwärts. Sauber. Das Kind ist man gerade 14 Jahre alt. Damit war die Marke gesetzt. Jetzt kam aber auch Omi, auch schon mit einer 7 vorne, an uns mal eben vorbei nach oben. Na, dann war ich jetzt wohl wirklich dran. Wie hatte ich mir eingeschärft? „Sei mit allen Sinnen immer genau da, wo Du gerade bist, Immer genau an das denken, was du in diesem Moment tust. Schau vor Dich, nicht hoch und nicht runter.“ Also Karabiner lösen, herausschwenken auf die Leiter, nur auf das Flechtwerk direkt vor mir sehen und aufwärts steigen. Der neben mir aufenternde Matrose bewegte sich locker an der Kante hängend so souverän wie ich mich im eigenen Wohnzimmer. Irgendwann wurde die Leiter für die Füße fast zu eng und die Saling schob sich vors Auge. Den Tipps meines geduldigen Begleiters folgend die Füße setzen – und da stand ich drauf – auf der Saling!

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Dort unten an Steuerbord fuhr gerade irgend so ein winziger Dreimaster vorbei. Den Fuß bequemer stellend auf dem schmalen Stück Stahlwinkel, das die Saling bildet, hatte ich ein merkwürdiges Gefühl an der Sohle. Und schon flog ein fünfmarkstückgroßes Geschoss aus Rostschutzfarbe und Rost die 40 m zum belebten Deck hinab. Wieder würde ein Deutscher Russen, die ihm nichts getan haben, ermorden…

Da guckte der liebe Gott dann doch noch hin und lenkte das Projektil in die Gräting unter dem Übungssteuerrad. Amen.

Nach einiger Zeit an den Gedanken gewöhnt, dass die Oberbram-Rah in 60 m ja nur noch halb so hoch wie jetzt höher hängt, also relativ sehr viel niedriger, somit auch keine Höhenkrankheit zu erwarten war, war ich halbwegs bereit für den letzten Gang. Doch da kam von der Brücke tief unten der Hinweis, dass die dunkle Wand aus NW, für die ich hier oben blind gewesen war, unaufhaltsam näher kam. Sofort runter! Na gut, an mir hat’s nicht gelegen. Elegant wie ein Pinguin abgeentert, dabei die Mütze an den Wanten festklemmend kam ich synchron mit dem ersten Regenguss auf Deck an. Was jetzt eher von Backbord als von oben kam, ließ mich erstmals Respekt fühlen. Ein Matrose, die Rostocker Schülerinnen an Deck entdeckend, schoss von der Back zum Großmast, schnappte Schot und Gangspillspaken und hatte in nicht 5 Sekunden eine 20 m lange Sorgleine sicher vor die durchspülbare Lee-Reling gezurrt. Olympiaverdächtig.

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Die Krusenstern, vor Top und Takel, legte sich über, fast wie meine Jolle. Und da lag die Mole der alten Kaiserfahrt, keine 25 m in Lee. Nein, ich mag das Gekratze von Stahl auf Granit nicht hören! Über ein Bugstrahlruder verfügt unser Oldtimer selbstredend nicht. Die Brücke hatte genau ein Ruder und zwei hydrodynamisch mies gelegene Schrauben zur Verfügung. Doch cm für cm schob sich die stählerne Greisin nach Luv, in die Mitte des Fahrwassers. Während ich dem neben mir stehenden Russen auf die Schulter hieb, fiel mir das Wort für „stark“ wieder ein: „ßieluj“! Anders, als ich erwartet hatte, war von der Maschine nichts zu hören, nichts zu spüren.

Rasmus‘ Auftritt dauerte kaum eine Viertelstunde, aber allen Wind für die Reise hatte er hier hineingepackt. In Swinouscie kamen wir schon wieder halbwegs trocken durch. Unsere blauen Jungs, ihren Mastwachen zugeteilt, spielten jetzt Grüß-Ballett: Mützen im Takt schwenken, hinterm Schanzkleid abtauchen, wieder wedeln, auftauchen und grinsen. Na ja, mit 15 hätte mir das vielleicht Spaß gemacht, oder es wäre mir genauso peinlich gewesen wie ihnen.

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Am Ufer aber kam die Wirkung an: Jubel, Beifall und Getröte. (Kann ich verstehen: dieses Schiff habe ich als Kind schon von Postkarten abgemalt. Als ich sie 30 Jahre später erstmals wirklich sah, schien sie durchs Wasser zu schweben. Gigantisch, schwerelos und traumhaft schön.)

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Hiernach bat uns Christina zum offiziellen Empfang in die Traineemesse. Per Schiffsfunk über unsere Versammlung informiert, erschien der jugendlich wirkende blonde „Alte“ und hieß uns freundlich willkommen. „Mir ist wichtig zu betonen, dass die : Krusenstern kein Marine- sondern ein ziviles Schiff ist. … Am Ziel der Baltic-Regatta haben wir einen vierten Platz der Großseglerklasse A belegt. Wir sind erst zum Schluss von der Fryderic Chopin noch überholt worden. Das ist schon eine sehr gute Platzierung für diesen Schwerwettersegler unter Flautenbedingungen. Wir laufen jetzt aus zur Flottenparade vor der polnischen Küste. Sie werden sehen, die Wettfahrt dorthin unter Maschine gewinnen wir. Segelnd werden wir Ihnen die Krusenstern aufgrund der stabilen Flaute eher weniger präsentieren können, aber wir haben uns doch einige Überraschungen für Sie ausgedacht. Wir werden nicht direkt Warnemünde anlaufen, sondern in der Nacht erst Kurs auf Dänemark halten und dann am morgigen Nachmittag Warnemünde erreichen. … Zum Thema Alkohol: Bitte nur in der Messe, niemals an Deck, dies gälte als schwerer Verstoß gegen die Schiffsdisziplin. Den Kursanten ist Alkohol absolut verboten. Sollte doch einer beim Landgang alkoholisiert auffallen, sagen wir, der ist nicht von uns, der kann nur von der Mir sein. Die von der Mir sagen in solch einem Fall, der ist natürlich von der Krusenstern. Das funktioniert immer ganz gut. (Christina bemerkte später, wenn ein Kursant sich auf einer Fahrt der Krusenstern Alkohol erlaube, tue er das nur einmal.) Fragen zum Schiff oder zu Ihrer Reise? Nein? Dies ist ein Zeichen, dass die Dolmetscherin mich nicht verstanden hat und dass Sie die Dolmetscherin nicht verstanden haben.“

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Später eine Führung im schiffseigenen Museum:

Es geht die Legende, die damalige Padua, erst 1925 aufgelegt, verdanke ihre Entstehung dem Versailler Vertrag, der Deutschland den Bau von Kriegsschiffen nach 1918 verboten hatte. Nur bis 1916 waren gepanzerte Marineschiffe gefertigt worden, nun lagen die übrigen Stahlplatten herum und waren preiswert zu haben. Dies habe Leisz veranlasst, noch einen, nunmehr den letzten Flying-P-Liner anzuschaffen. Nicht mehr als Vollschiff, wie die Preußen, sondern als Bark, die doch besser zu manövrieren war. Weniger im Salpeterverkehr mit Chile wie die berühmten Kap-Hoorner, etwa Passat und Pamir, sondern in Getreidefahrt nach Argentinien eingesetzt, mit einem 100 m langen durchgehenden Laderaum. 1946 wurde die Padua als Reparationsleistung an Russland übergeben: segelfertig und aufproviantiert für 18 Tage – die Übernahmekommission habe Bauklötzer gestaunt. Da für einen Segelfrachter kein Bedarf bestand, wurden Decks eingezogen und dauerhaft über 300 Marineangehörige auf dem Schiff untergebracht. 1955, es gab wieder mehr Wohnraum, kam es zu Bemühungen, das Schiff wieder in Fahrt zu bringen. Die Marine genehmigte eine Testfahrt, die mit einer Gutachterkommission an Bord glänzend glückte. Es sei bedacht, dass die Mannschaft vorher nie solch ein kompliziert zu segelndes Schiff hatte fahren und sich auch auf der Krusenstern nicht auf See hatte erproben können. Kapitän Michailow führte sie seither und verfasste eine Bedienungsanleitung für das Segeln von Viermastbarken. Seither diente die Bark als Schulschiff der Marine, bis diese sich in den 70er Jahren aufgrund der Hochrüstung gezwungen sah, die Krusenstern, deren Beitrag zur Landesverteidigung begrenzt war, wegen zu hoher Kosten abgegeben. Das Engagement eines engagierten Fischereispezialisten rettete das Schiff vor dem Brennschneider. Dieser, von seinem Minister hochgeschätzt, bombardierte jenen mit Denkschriften, warum das Fischereiministerium unbedingt ein Segelschulschiff brauche. Wohl um des lieben Friedens willen wurde so die Krusenstern vom Fischereiministerium übernommen, von Marine-Weiß ins Fischerei-Schwarz umgepönt und anders als die neuere Mir, die vom Verkehrsministerium als Eigner eher sparsam gehalten werde, etwas aufwendiger ausgestattet.

1974 erschien das Schiff anlässlich einer Großsegler-Regatta zur Überraschung des Westens wieder auf der internationalen Bühne und wurde sofort begeistert aufgenommen. Christine erzählte, damals habe sie die alte Padua erstmals gesehen und sofort den Wunsch gehabt, mit diesem Schiff zu fahren. Vor 6 Jahren, Russisch sei ihr fremd gewesen, sei sie nach Kaliningrad gereist und genommen worden, seit 2 Jahren fahre sie als 2. Offizier. Die eckige goldene Schleife auf ihren Epauletten stelle den Fisch des Fischereiministeriums dar.

Derzeit absolvieren die Studenten der Fischereihochschule die letzten drei Monate ihres ersten Studienjahres an Bord, manche erstmals von Mutti getrennt. (In Russland sei das Familienmodell „alleinerziehende Mutter“ noch sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland.) Es gehe hierbei hauptsächlich darum, das Leben auf See kennen- und das lange Fortbleiben, die stete Einsatzbereitschaft und die Borddisziplin aushalten zu lernen.

So haben die Kursanten 10 Tage Zeit, sich mit dem kompletten Rigg des Schiffes so vertraut zu machen, dass sie bei jedem Segelmanöver genau wissen, was wo wann wer wie zu tun hat. Doch einige gebe es immer, die dann doof herumstünden. So sah ich den Bootsmann vom Kreuzmast, einen Hünen von über 2 m, einen desorientierten Jungen packen und mal nebenbei 4 m weiter an die Schot expedieren.

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Beim Segelsetzen und –bergen muss die Mannschaft ins Rigg, um die Zeisinge, mit denen die Segel auf die Rahen gebunden sind, zu zurren. Wer dies an Bord eines Großseglers schon einmal sah, wird von der Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Furchtlosigkeit, mit der die Jungs auch Überhänge aufentern, wohl beeindruckt gewesen sein.

Ob die Crew pädagogische Erfahrungen mit gelangweilten Schülerinnen hat, weiß ich nicht, schlauerweise war jedenfalls ein Mannschaftsabend angesetzt. Das hieß, die Kursanten und unsere Mädels hatten Zeit und Gelegenheit zur Tuchfühlung. Dies führte am Folgetag zur Frage an Christine, wie denn der nette großgewachsene Kasache dort hieße. Und ich durfte Zeuge werden, wie eines der Mädels in der Gruppe verkündete: „Okay. Ich werde dem Witali schreiben und Du bringst dem Wassili Deutsch bei.“ So einfach.

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Wir älteren Herren beschlossen den Abend ebenfalls gemeinsam: in allseitiger Erwägung erzieherischer Nulleffizienz bei pubertierenden Ablegern. Sehr kompliziert.

 

 

 

 

 

 

Hiervon ermüdet, wurde ich am nächsten Morgen mit diesem Anblick geweckt:

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Frühsport, Frühstück und der Morgenappell mit Siegerehrung in den verschiedensten Bordsportarten waren gegessen,

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da wurde einer unserer Vollmatrosen, diese sind auf der Krusenstern nur echt mit Blaumann und Wollmütze, abgeordnet, um den Rostocker Krusensternen die tieferen Geheimnisse der Seemannsknoten zu enthüllen. Mehr als einen Bootshaken, zwischen Nagelbank und Winsch geklemmt, und fünf Stropps brauchte er nicht. Doch. Ein bisschen Zeit, denn kaum hatte die Lektion begonnen, holte ihn der Bordlautsprecher zum Segelmanöver.

Weg war er und unsere Grazien standen mit den Tampen auf sich gestellt. Und das ersatz-weise Handy hatte keinen Empfang. Ob’s später auf der Krusenstern-Schule einen Knotenkunde-Kurs gegeben hat?

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Schon stürmten Dutzende Jungs ins Rigg, auf die Rahen und hoben den rechten Arm, wenn ihre Zeisinge losegezerrt waren.

Deren Kletterkünste unterschieden sich von meiner öffentlichen Vorstellung einen Tag zuvor doch deutlich. An Christine hatte ich nun die Frage, ob mit den Kursanten beim Aufentern anfangs auch so freundlich verfahren werde, wie mit uns Trainees, die stets von einem geduldigen, verständnisvollen und humorigen Vollmatrosen begleitet worden waren. Dies sei nicht der Fall, jedoch würden Listen geführt, in denen für jeden Einzelnen beim Aufentern eventuelle Zeichen von Angst notiert würden. Wer nach dem dritten Mal noch Angst zeige, erhalte andere Aufgaben, so Christine.

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Apropos Angst: Die Boote werden bei Mann über Bord innerhalb von 2 Minuten gewassert, weil das Meer sehr kalt sein kann.

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Bei größeren Problemen hilft das persönliche Plätzchen in der Rettungsinsel, jedem vertraut durch die Nummer über seiner Koje. Bei Feuer helfen auf der Krusenstern keine Sprinkleranlagen, aber regelmäßige Übungen und trainierte Löschtrupps mit Hitzeschutzanzügen, bei Ölbränden an Deck auch Schaufel und Sandkisten.

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Christine, die in ihrem vorigen Job beruflich mit Seeunfällen befasst war, und aus dieser Perspektive jede unserer Handlungen wohl unbewusst observierte, gab uns wiederholte Seminare in Schiffsunfall-Auslösern. Bullaugen offen – der Tod vieler Schiffe. Schlechtem Wetter nicht ausgewichen, ebenfalls. Für den Kapitän der unlängst gesunkenen Bounty, der bei einem nahenden Hurrican ausgelaufen war, hatte sie nur Verachtung übrig. So etwas tue kein Seemann. Und die Pamir sei wegen schlecht gewarteten und undichten Decksbelages darunter rostgeschwächt mit lautem Knall und Getreidefontäne geborsten. Deren Funk-Notruf „Ship broken“ heißt international „Schiff gebrochen“. Das durfte nur 1956 nicht wahr sein. Ein deutsches Schiff, damals der Stolz der Nation, wegen schlechter Wartung abgesoffen? Dann doch lieber die Urteile sämtlicher beigezogener Seglerkapitäne in der Seegerichtsverhandlung, die sich unter den gegebenen Umständen wie der Kapitän der Pamir verhalten hätten, ignorieren und jenem die Schuld anhängen. Der konnte sich ja nicht mehr wehren. (Auch zur Titanic hatte Christine Spannendes zu sagen, aber das müsst Ihr sie selber fragen – ich Alzi hab ‘s vergessen.)

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Während wir gemütlich palaverten, rappelte es auf unserem Karton: Die mehrere Tonnen schweren Obermars-Rahen waren auf Arbeitshöhe zu purren mittels je 4 Mann an den Schnecken-Winden, die in fester Reihenfolge nach je 16 gezählten Umdrehungen abgelöst werden, bei 72 U/min und mehreren Minuten rasenden Drehens. Wäre das nicht auch was für ‘s Guinness-Buch?

 

 

 

 

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Dies geschah bei Windstille, seglerisch waren die Manöver sinnfrei. Alles nur wegen de Leut‘ -wegen uns, auf dass wir das Traumschiff auch unter Segeln sehen mögen, just wenn diese heute nur wie Lappen hängen. Es wurden zwei Stunden harter Arbeit für Dutzende Männer, und das nur für einen …

 

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… Fototermin per Bootspartie. Ich hatte aus Respekt vor Spritzern noch die Regenhose angezogen und deren historische Gummierung sanft verstaubend an Deck kommend nur noch die Boote mit den anderen Trainees ausschwenken und wassern sehen. Mir blieb, auf dutzenden Fotos den einsamen Grüß-August hinter der Brücke zu geben.

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Bis der blutjunge Erste mich freundlich ansprach: Entschuldigung, möchten Sie auch mit dem Boot fahren? Ja, schon gern, aber ich fürchte, ich bin der einzige übriggebliebene. Freundliches Lächeln: Das sind Sie nicht. Und er stob die Treppe aufs Deck hinab. 3 Minuten Später: Tut mir leid, sie sind tatsächlich der Einzige. Aber das wird nicht so bleiben: Spricht ‘s, ist schon wieder unten an Deck und fragt die anwesenden Kursanten, ob nicht jemand Lust hätte auf eine Bootstour. Schweigen im Walde. Erneut: Ob denn nicht gern jemand mit dem Boot mitfahren wolle. Den Wink verstehend melden sich jetzt fünf Jungs und ich bekomme, meine rieselnde Hose möglichst nur zart bewegend, eine Extratour, den Ehrenplatz im Bug und werde vom Ersten persönlich um seine riesige, segelgeschmückte, mucksmäuschenstill mitten im Meer liegende wunderschöne Viermastbark herum chauffiert. Ob ich denn nicht fotografieren wolle? Nein, ich sehe, fühle, merke und schreibe später. Das sei die beste Methode, so sein Kommentar. Überflüssig zu sagen, dass nicht ein Spritzerle mein poröses Beinkleid nässte. Muss man die Kerle nicht einfach bloß gern haben?

Und wieder zwei Stunden Knochenarbeit für die Jungs, denn mit gesetzten Segeln geht’s in Warnemünde nicht an die Pier.

Noch rechtzeitig zwischen Kapitänsdinner, d. h., Kaffee und schiffsgebackenen duftigen Muffins, nachdem der Käpp’n und sein Co. uns Trainees jedem eine Andenken-Tasse und eine wunderschöne Farb- und Golddruckurkunde in die Hand gedrückt haben und Einlaufen ist noch Zeit, um auf die Rahen zu gehen. Alter Hase, der ich seit gestern bin, entere ich auf und werde jetzt auf die Untermars-Rah geleitet, leider nur so 18 m über See.

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Der vor- und rückwärts pendelnde Fußpeerd verschafft mir so ein Hüpfburg-Gefühl, da ich ja nicht der einzige bin, der diesen Weg geht, zu gehen versucht. Wenn ich hier abrutsche, baumele ich an meinem Spinnenfädchen irgendwie 16 m hoch zwischen Himmel und Wasser und bestimmt kann niemand mir sagen, wie ich wieder hoch zur Rah komme. Bald hängen wir hier wie die Perlen auf der Schnur, vier Russen und in der Mitte ich. So etwa wie zum Trocknen über die Heizung geworfene Putzläppchen. Hätte ich in der Schule besser aufgepasst, hätte ich jetzt sicherlich viel Kurzweil, da um mich herum viel gelacht wird. Oder ist es eher ein Vorteil, dass ich das jetzt nicht verstehe? Die Gelegenheit nutzend, knüppere ich so ein bisschen an einem Segel-Zeising herum. Der ist aber so fest gezurrt, dass mein Respekt für die Kursanten noch weiter steigt.

Bei jedem Spaziergang, sogar von einer Rah-Nock, kommt einem der Rückweg nur noch halb so weit vor. Dennoch komme ich mal wieder zu spät an Deck an. Diesmal zu spät, um mich der Schiffs-Führung unter Tage noch anschließen zu können. So muss ich Heikos Bericht über die Maschinen hier zitieren: 2 x 1000 PS, 1994 eingebaut, Hersteller Schwermaschinenbaukombinat Leipzig, Diesel, kein Schweröl, max. 330 U/min, direkt auf die Wellen wirkend ohne Getriebe, Rückwärtsfahrt nach Dekompression, Drehumkehr mittels Pressluft und Neustart innerhalb 30 Sekunden möglich. Heikos Kommentar: Bei der maximalen Drehgeschwindigkeit laufen die Motoren 100 Jahre. Strömungstechnisch ungünstiger, jedoch der Schiffsarchitektur geschuldet wurde auf eine zentrale Welle verzichtet, deswegen hat die Krusenstern zwei Wellen neben dem Achtersteven. Marschgeschwindigkeit um die 6 Knoten. Mehr braucht kein Schulsegler.

Heiko, der ursprünglich die kommende Warnemünder Nacht am Strand hatte verschlafen wollen, gefiel es jetzt angesichts der grauen Wolkenwand in NW an Bord doch besser und er trug mir auf, doch eine Zusatz-Hafennacht zu organisieren. Jewgenij, diesbezüglich konsultiert, wollte den Kapitän fragen und uns dann Bescheid geben. Zwei Stunden später: Ja, wir könnten noch eine Nacht bleiben, das koste nichts. Wir könnten auch am Morgen ein Frühstück bekommen, es werde nur gebeten, dass wir das Schiff bis 8.30 Uhr verlassen mögen, da eine größere Gruppe neuer Trainees erwartet werde. Uns für dieses Entgegenkommen bedankend, spendeten wir etwa den Preis der Übernachtung. Jewgenij bedankte sich sehr und sagte, das Geld werde dem Küchen- und Servierpersonal zugutekommen. Ich habe daran keinen Zweifel.

Die Krusenstern legte sich an die Kreuzfahrer-Pier in Warnemünde, begeistert begrüßt von etwa hundert Rostocker Krusenstern-Schülern, die bestimmt vor Neugierde platzten ob der Erlebnisse ihrer ersten Abordnung an Bord. Doch sie mussten 2 Stunden am kühlen, trüben Augustabend ausharren, da kein Polizist zum Einklarieren erscheinen wollte. Die Zöllner, sofort an Bord gewesen, hatten längst Feierabend, ein paar Schüler, echte Stehernaturen, hatten an der Pier jedes Zeitdruckgefühl überwunden, da kam der Streifenwagen, 2 Stunden nach Einlaufen, tatsächlich. Heiko und ich hatten die Wartezeit für das letzte warme Abendbrot genutzt. Christine verkündete, sie freue sich schon auf die Gesichter der Leute von der Gorch Fock, weiter nördlich an der Pier, wenn sie sie in ihrer russischen Maßuniform mit allem Lametta in breitestem Bayerisch vom Kai aus anrufen werde. Schließlich also doch die lange Verabschiedung von den anderen Trainees, und allgemeine Freude über die Reise trotz ihrer Kürze. In der feuchten Dämmerung unternahmen Heiko und ich noch einen abendlichen Ausflug dorthin, wo früher einmal Warnemünde war. Hinter vollverglasten Großlagern für alle möglichen Sorten Stehrumchen und netzgitterartig postierten Tourifallen fanden wir bauliche Reste authentischer Gemäuer. Sehr schön auch der Musikdampfer: 60 weißgekleidete Frohnaturen an Deck, die, solange der Dampfer den Alten Strom auf- und niederfuhr, aufs ausgelassenste tanzten und begeistert sangen, immer schön zur Pier gewandt. Hiernach fiel es Heiko nicht schwer, mich zu einem alkoholhaltigen Getränk zu überreden. Zurück in der trauten Heimat, verschliefen wir fest und traumlos unsere letzte Nacht – warm und trocken und geschenkt. Ein letztes russisches Frühstück, ein freundlicher Abschied von der erstmals lächelnden Mamsell und adé Krusenstern!

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Bei schönstem Sonnenschein blieb uns bis zur Rückfahrt nach Berlin noch Zeit für einen kleinen Rostocker Stadtspaziergang. Unser Bauzner Thomas fuhr vorbei, hupte und nahm uns mit seinem Benz mit. So reichte die Zeit sogar noch für eine Führung auf die Dicke Marie. In einer verglasten Mauernische fanden wir hinter Postkartengirlanden einen schmalen Herrn reiferen Semesters und fragten ihn nach einer Turmbesteigung. Wir wollten die Schiffe im Stadthafen wenigstens von hier oben aus sehen. Er telefonierte eine Vertretung zum Bewachen der Postkarten herbei, verwies uns für die Wartezeit auf das Studium der zweistöckigen, über vier Meter hohen astronomischen Uhr aus dem 15. Jh. hinten im dunklen Kirchenschiff und quälte sich, als 20 Minuten später ein freundliche Pensionärin seinen Thron bestiegen hatte, selbst mit uns die unzähligen Stufen hinauf, um uns durch das mittelalterliche Labyrinth über dem Längsschiff zu leiten. Er sei der Küster, 70 Lenze alt und mache diese Tour täglich noch dreimal. Mit diesem nun wirklich beeindruckenden Erlebnis aus dem Norden im Gepäck marschierten wir zum Bus, der uns in 2 ½ Stunden nach Berlin brachte (für 11 € pro Nase).

In der S-Bahn: Ob Heiko denn nochmal in das Schapp geschaut habe. Ja, habe er, wieso? Na dann werde mein Schlüssel wohl nicht mehr an Bord sein. Schade, das wäre doch ein schöner Vorwand gewesen, zurückzukehren zur Krusenstern.

Text und Bilder: T. Frost / H. Buschmann

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